Tina

 

ein Bild

 

Mein richtiger Name ist natürlich nicht Tina. Den Namen konnte man 1961, dem Jahr, in dem ich am 11. Oktober zur Welt kam, noch nicht standesamtlich eintragen lassen.

Wie kam nun das Kind zu dem Namen 'Martina'?

Meine Mama hat mir das wie folgt erzählt:
Vatta hätte gerne eine 'Katharina' gehabt- meine Mutter hat diesen Namen verabscheut. Sie selbst hatte im Zusammenhang mit mir an Marina, Martina oder Marion gedacht.
Ich hatte das ausgesprochene Glück, einen Onkel und einen Cousin zu haben, die beide 'Martin' hießen- meines Vaters ältester Bruder (der große Mattin) und sein Sohn (der kleine Mattin). Sonst würdet Ihr mich jetzt wohl 'Kathi' nennen müssen, mein Papa war sehr, nun, ich sag' mal rigoros, was das durchsetzen seiner Wünsche war .
Und heutzutage ist 'Katharina' einer dieser totalen Burner...so kann's gehn .
 
Nichtsdestotrotz- mein Name paßt zu mir. Ich lege mich immer wieder ganz gerne mal mit Leuten an
'Martina' bedeutet 'Die Kriegerische'.
Es ist, natürlich, abgeleitet von 'Martin'. Martin wiederum geht zurück auf den Kriegsgott Mars.
 
 
Kleine Randbemerkung: Meine Mutti ist im Laufe der Jahre übrigens auch noch zu ihrer Marina und ihrer Marion gekommen, und das, ohne auch nur noch ein einziges Kind zu gebären:
Mein Bruder hat eine Marion zu seiner Angetrauten gemacht, und meine jüngste (nicht jüngere!) Schwester hat eine Tochter namens- na, ahnt Ihr's?- Marina .
 

Mein Geburtsort ist Herne.
Papa, in jüngeren Jahren Amateur - Boxer beim Boxring Herne 22, hat es irgendwann für nötig erachtet, seinen Steiger zu verprügeln- das Ende seiner Pütt- Karriere in Herne.
Das Kohlebergwerk RE 2, Clairget (im Volksmund 'Clärchen'), kannte ihn nicht und wollte ihn, also sind wir nach Hochlarmark gezogen.
Am 11. Dezember 1962 zogen mich meine Eltern auf einem Schlitten über den vereisten Kanal, Richtung Recklinghausen - Hochlarmark, meiner- nun seit mehr als 40 Jahren- rechtmäßigen und angestammten Heimat.
 
In dem Haus, in das wir einzogen, ein normales, 6- Familien- Zechenhaus, mit zweckmäßigen Wohnungen, gemacht für Familien mit allenfalls 2 Kindern, wohnte wohl am Anfang ebenfalls noch eine kinderreiche Familie.
Leider galt man auch in den 60ern mit mehr als 3 Kindern als ein wenig asi. Jedenfalls, wenn man sich mit 'so vielen' Blagen nicht wenigstens ein Haus leisten konnte.
Allerdings haben wir die Nachbarschaft schnell spüren lassen, daß wir gar nicht so asozial waren, wie es vielleicht den Anschein gemacht hat.
O.k., die Wohnverhältnisse waren sehr beengt. Meine beiden Schwestern haben sich das Kinderzimmer geteilt, mein Bruder hatte ein Klappbett im Elternschlafzimmer, ich habe am Anfang noch bei ihnen im Bett geschlafen. Zuerst bei meinem Papa- bis ich ihm mal mit meinen Zehen an seinen Beinhaaren gezogen hab'- daraufhin hat er mich zur Mutti rübergejagt und ich durfte fortan nie wieder bei ihm schlafen .
Damals fand ich das sehr sehr traurig- heute denke ich, er hat nur auf 'ne Gelegenheit gewartet, sein Bett, endlich!, wieder für sich alleine beanspruchen zu dürfen...
 
Ich war 7 Jahre alt als meine älteste Schwester heiratete. Sie war 18 und schwanger (damals mußte man noch zu gar schrecklichen Mitteln greifen um der elterlichen Gewalt zu entkommen und in das Bett seines/r Liebsten zu gelangen) und noch bevor ich 8 war, war ich zum ersten Mal Tante!
 
Mein Bruder zog auf die Klappcouch im Wohnzimmer und ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben ein eigenes Bett (das mein Bruder geräumt hatte)!
 
Ca. ein Jahr später hatte ich dann mein eigenes Zimmer, denn meine andere Schwester hatte sich entschieden und wollte ebenfalls lieber Hausfrau und Mutter sein.
Nicht lange nach der Entbindung meines Neffen Frank (er ist am, so ein Zufall, 11. Dezember zur Welt gekommen) ist dann mein Bruder von zu Hause abgehauen, hat sich Arbeit gesucht und von da an auch nicht mehr bei uns gewohnt.
So schnell kann's gehen...von den kinderreichen Asis zum 3- Personen- Haushalt hat es keine 10 Jahre gedauert, zwei meiner Geschwister hatten abgeschlossene Berufsausbildungen (nur die Dritte konnte ihre Lehre nicht mehr zu Ende machen, sie war 17, als sie entbunden hat) und ich war zu dem Zeitpunkt noch eine echte Leuchte in der Schule...eigentlich waren wir doch ein Quell der Freude für unsere Erzeuger, auch wenn die es sich nicht so sehr haben anmerken lassen .
Typische Ruhrpott-Kindheit eben .
 
Die Geburt meiner ersten Nichte hatte zur Folge, daß ich nun für 'Groß' erklärt wurde.
Was genau bedeutete das für mich?
Ich mußte Verständnis haben, wenn 'die Kleine' mein Spielzeug zerstörte, "Du bist doch jetzt ein großes Mädchen". Wenn ich Samstags nach der Schule früh genug zu Hause war, durfte ich, weil ich schließlich 'ein großes Mädchen' war, nach Möglichkeit zusätzlich zum Einkauf, den ich für meine Mama erledigen mußte, auch noch meiner Schwester zur Hand gehen und für sie 'eben das Nötigste' mitbringen.
Ach ja- und ich wurde Babysitterin.
Was mir dann als Teenager sehr entgegenkam, ich bekam für jeden Samstagabend, den ich bei meiner Schwester verbrachte und den Schlaf von Susi überwachte, 5 Mark - und die sicherten mir alle meine Disco- Besuche der darauffolgenden Woche .

Meine Teeniezeit war spektakulär und total unnormal. Es würde aber zu weit führen, an dieser Stelle ins Detail zu gehen- ich spare mir die Anekdoten meiner Jugend für Gespräche mit etwaigen Enkeln an etwaigen Kaminen in einer noch nicht geschriebenen Zukunft auf- oder für ein Buch, daß ich dann zu gegebener Zeit meinen besten Freunden hinterlassen werde *g*
 
Mein Vater starb, als ich 15 war.
Er ertrank im Rhein-Herne Kanal, dem Gewässer, in dem er meinen drei Geschwistern das Schwimmen beibrachte.
Immerhin brachte er es mit seinem Tod noch bis in die Bild Zeitung:
Großer Fisch zog Bergmann ins Wasser- oder so ähnlich.
Es war eindeutig ein Unfall, es gab keine äußerlichen Einwirkungen- einfach so, irgendwie in den Kanal gefallen und ertrunken.

Die Furcht meiner Mutter, ich könnte nun total abdrehen, erwies sich in der Folgezeit als unbegründet: Ich hatte nicht vor, ihr noch größeren Kummer zu bereiten, als sie sowieso schon hatte und habe es geschafft, in den Jahren, bis ich 18 und damit volljährig wurde, genau 2 mal zu spät nach Hause zu kommen.
Und das eine Mal davon war mein 16. Geburtstag, ein guter Schnitt also für ein böhses Mädchen .
Ich machte eine Lehre zum Bürokaufmann, lernte mit Ende 18 meinen ersten Mann kennen, heiratete mit 21 und bekam unseren ersten und einzigen Sohn Raoul.
Die Ehe klappte nicht, nach 8 Jahren war das Ding durch und wir gingen getrennte Wege- ich mit unserem Kind, er mit seinem Jägermeister.
 
Die folgenden Jahre waren einerseits die Besten, andererseits die Schlimmsten meines Lebens- soviel dazu .

Inzwischen bin ich seit gefühlten ewigen Jahren mit Heio zusammen, und bis auf drei davon sind wir verheiratet- also auch schon gefühlt ewiglich .

Weiterhin gibt es Phasen in meinem Leben, die sich anfühlen, wie eine Fahrt mit einer von einem Irren erdachten Achterbahn. Und weiterhin bin ich gewillt, der Angst in die Augen zu sehen und in den Waggon, der für mich bereitsteht, einzusteigen- am besten ganz vorne, um ihr nach jedem Hügel, den ich gerade überwunden habe, höhnisch ins Gesicht zu lachen...
 
 


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